Der Ausfluss des Vorderrheins aus dem Tomasee galt bereits im frühen 19. Jahrhundert als die eigentliche Rheinquelle. Dies sehen wir auch an der Platzierung der Ansicht des Tomasees am Beginn des Grossen Rheinwerks. Etwas abseits des Oberalppasses gelegen waren Händler und Säumer lange Zeit die einzigen Fremden, die in seine Gegend kamen. Im Lauf des 18. Jahrhunderts führten mehrere Zürcher Naturforscher, Maler und Pfarrer Exkursionen in die Surselva durch, die erste Ansicht des Tomasees stammt aber vom Mannheimer Theatermaler Johann Georg Primavesi (1774-1855), der 1818 schrieb:
"Welch' ein Anblick! Ein 400 Schritte langer, und 200 Schritte breiter See auf dieser ungeheuren Höhe, und dennoch rings von Bergen umschlossen. Auf der einen Seite den Badus, auf der andern nackte und bemooste Felsen, an einigen Stellen Schnee bis zum See hinab. Das Wasser allenthalben dunkelblau, grün, violet und klar bis in die Tiefe von mehr als 20 Fuss. Diesen Anblick gewinnt man, wenn man auf dem Hügel ankömmt, auf welchem auf der zweyten Platte die beiden Figuren sind. Dieser See entsteht aus dem Zusammenflusse der drey Bäche, die man auf der ersten Platte sieht."
Albert Lutz, Val Medel. Naturforscher und Landschaftsmaler erkunden den Rhein und die Berge am Lukmanier, 1700–1830, Curaglia 2024 (Neujahrsblatt der Gelehrten Gesellschaft in Zürich auf das Jahr 2024, 187. Stück), S. 9-10; 32-33; Johann Georg Primavesi, Der Rheinlauf, von dessen verschiedenen Quellen bis zur Vereinigung des Vorder- und Hinter-Rheins bei Reichenau, Frankfurt a. M. 1818, S. 4
Der englische Maler William Tombleson (1795-1846) besuchte die Rheinquellgegenden in den 1820er-Jahren:
"Nachdem wir den kleinen Tomasee besucht hatten, in den drei Bäche aus den Schneefeldern des Badus münden und der in seinem felsigen Bett ein 400 Schritte langes, 200 Schritte breites und 20 Fuß tiefes Reservoir bildet, machten wir uns auf den Weg zum kleinen Dorf Ciamut, dem ersten Ort am Eingang des Tals, wo Getreide angebaut werden kann. Die Fleißigkeit und Ausdauer der Einwohner hier werden oft durch die lange Dauer und Strenge der Winter und die häufigen Lawinen, die sowohl Hausrat als auch Menschenleben zerstören, zunichte gemacht."
William Tombleson, Tombleson‘s Upper Rhine, London 1832, S. 166
Den Ursprung des Medelserrheins (auch Froda genannt) bei den Seen der Val Cadlimo besuchten nur sehr wenige Reisende. Louis Bleuler hat diese Gegend als Erster dargestellt. Auch im Reiseführer des in Zürich lebenden deutschen Arztes Johann Gottfried Ebel (1764-1830) von 1810 findet das abgelegene Tal Erwähnung. Die Namen, die wohl der Disentiser Pater Placidus a Spescha mitgeteilt hat, lassen sich heute nicht mehr in jedem Fall genau zuordnen:
"Eine kleine halbe Stunde westlich von St. Maria fängt das Val Kadelima (Kadelina, Kurlima, Kurlim) an, welches seinen Namen von Ka d'ol Rhin, d. i. Haupt des Rheins, hat. Es ist 12 St. lang bis zum See Dim, welcher die Quelle des Mittel-Rheins ist. Dieser See thaut in manchen Sommern nicht ganz auf. Das aus demselben abfliessende Bächelchen mit einem andern aus dem See Skur vereinigt, bildet den See Insla (ital. Isola). Aus diesem geht der Bach, Froda genannt, heraus, nimmt den Termser-Bach, bey St. Maria den Radicer-Bach auf, und strömt nun als Mittel-Rhein durchs Medelser-Thal ([...]. Wenn man von St. Maria ins Thal Cadelin geht, so stehen in der Felsenkette links der Piz, Kurlim, Kadajn und Pegora, alle drey zusammen la Sceina de Kurlim oder Kadlim (ital. Skanadu) genannt. In einer finstern Vertiefung liegt der See Pegore, der sich in den See Kadajn im Piora-Thal ausleert. Dann folgt der Piz Scur, eigentlich Piz Tom genannt; einige Schritte vom See Scur liegt ein kleiner See Pign, der sich in den See Tom im Piora -Thal ausleert. Südlich des Sees Dim erhebt sich der Piz Teneda, welcher das Kadelin-Thal schliesst, und vom Canaria-Thal absondert. Vom Dim-See auf die Höhe des Teneda, wo man das Canaria-Thal (ein Neben-Thal des Ober-Livenen im K. Tessin) übersieht, ist gar nicht weit; die Thalseite hinauf ist aber mit Schnee bedeckt. Nach NW. stehen die Felsen Pontenära zwischen den Canaria-, Cadelin-, Cornero- und Unter-Alp-Thälern, so dass aus dem Schnee und Eis dieses im Alpengrat stehenden Felsen Bäche sowohl nach dem Tessin, als nach der Reuss und dem Rhein abfliessen. Wer eine merkwürdige Ansicht der Natur in den Hochgebirgen geniessen will, der steige auf die Anhöhe zwischen Canaria und Cadelinthal, oder auf den Piz Scuro zwischen dem See Scur und Pegore, oder auf Pontenära; diesen letzten Felsen ersteigt man am bessten von der nord-westlichen Seite; es muss aber heitres Wetter seyn."
Johann Gottfried Ebel, Anleitung, auf die nützlichste und genussvollste Art die Schweitz zu bereisen, Bd. 3, Zürich 1810, S. 391-392
Den Reisenden des 19. Jahrhunderts bot sich die Val Medel noch ohne Stausee dar. Dieser entstand 1968 und überflutete den Weiler und die Kapelle von Sontga Maria.
„Dieses interessante Tal gehört zum Oberen Bund und erstreckt sich in südwestlicher Richtung vom Tavetschertal bis zum Lukmanierpass über eine Länge von siebzehn Meilen. Die Einwohner (etwa 600) sind fleißig und erfahren in der Herstellung von Holzwaren. Trotz der großen Höhe dieses wilden und engen Tals können hier Weizen, Gerste und Obstbäume angebaut werden, und es bietet ausgezeichnete Weideflächen. Die Bäche, die den Mittleren Rhein bilden, entspringen den kleinen Seen Dim, Scur und Insla im kargen Tal von Kadelin oder Curlim, das zwischen den Bergen Piz-Curlim, Piz-Scur, Piz-Teneda, Piz-Pentenära und Piz-Blar nahe der Grenze zum Kanton Tessin liegt. Der junge Fluss entflieht den schneebedeckten Wüsten mit einem herrlichen Wasserfall, rauscht durch die Almweiden der Lukmanier-Schlucht am Fuße des Scopi-Gletschers, vereinigt sich mit dem Bächlein Cristalina und fließt in der Nähe von Stinesh unter dem Namen Médelser-Rhem fröhlich weiter, wirft sein glitzerndes Wasser spielerisch über zerklüftete Felsen und bildet manchmal Kaskaden von außergewöhnlicher Schönheit. Das Tal umfasst eine kleine Stadt und vier Dörfer. An seinem oberen Ende befindet sich das Kloster Santa Maria [...].“
William Tombleson, Tombleson‘s Upper Rhine, London 1832, S. 169
Um 700 errichtete Sigisbert, ein Mönch aus dem Kloster Luxeuil in den Vogesen an dieser Stelle eine Zelle. Unterstützung erhielt er vom einheimischen Grundherrn Placidus. Ab etwa 750 entwickelte sich Disentis zu einem grossen Kloster, das 810 bereits 71 Mönche beherbergte. Von hier aus erfolgte die Fruchtbarmachung der Surselva. Als Talort von Oberalp- und Lukmanierpass besetzte es eine verkehrstechnisch wichtige Stelle. 1774 trat Placidus Spescha in das Kloster ein, der in der Folge bedeutenden Einfluss auf das Bild der Touristen von der Bündner Bergwelt haben würde. Er bestieg zahlreiche Gipfel der Gegend als Erster, erforschte die Bergnatur und führte Wissenschaftler und Künstler an die interessantesten Punkte. So auch Louis Bleuler, dem er die Rheinquellen zeigte, aber auch Samuel Birmann oder William Tombleson.
William Tombleson teilt uns über Disentis Folgendes mit:
"Das Dorf hat einen Großteil seiner früheren Schönheit und seines Wohlstands wiedererlangt; zahlreiche Herden weiden in der Umgebung; die Lieder der Milchmädchen hallen durch das Tal, und der Segen des Friedens scheint die Erinnerung an die Verwüstungen des Krieges ausgelöscht zu haben; die fetten Käse aus Disentis sind so berühmt wie eh und je, und die wenigen verbliebenen Mönche der Abtei werden durch die Freundlichkeit der Einwohner für ihre Verluste getröstet, die sie durch ihr derzeitiges bescheidenes Auftreten zu verdienen scheinen. Der Wohlstand der Dorfbewohner hängt von der Viehzucht ab, deren Fleiß und Erfahrung ihnen zusammen mit den guten Weiden große Vorteile verschaffen. Es ist unmöglich, sich etwas Schöneres und Erhabeneres vorzustellen als den Blick von diesem Ort aus: kolossale Berge und hoch aufragende Gletscher auf der einen Seite, die einen einzigartigen Kontrast zu den grünen Wiesen, fruchtbaren Tälern, plätschernden Bächen und all der sanften Vielfalt bilden, die die Natur in ihrer gnädigsten Stimmung auf der Erde verbreitet; der Rhein, der fröhlich dahinfließt, um seine wichtige Mission zu erfüllen."
William Tombleson, Tombleson‘s Upper Rhine, London 1832, S. 160-161; Daniel Schönbächler, Disentis, in: Historisches Lexikon der Schweiz (HLS), Version vom 17.03.2010. [12.01.2026]; Urban Affentranger, Spescha, Placidus, in: Historisches Lexikon der Schweiz (HLS), Version vom 08.01.2013. , [12.01.2026]; Albert Lutz, Val Medel. Naturforscher und Landschaftsmaler erkunden den Rhein und die Berge am Lukmanier, 1700–1830, Curaglia 2024 (Neujahrsblatt der Gelehrten Gesellschaft in Zürich auf das Jahr 2024, 187. Stück); Ursula Scholian Izeti (Hrsg.), Placidus Spescha, Genaue geographische Darstellung aller Rheinquellen [...] (Manuskript 1823), Zürich 2005, S. 12-13
Bei Disentis fliesst der Medelser Rhein in den Vorderrhein. Gemessen an der Länge des Wasserlaufs bis zur Mündung am Hoek van Holland müsste die Quelle des Medelser Rheins in der Val Cadlimo als Hauptquellbach gelten. Die beträgt nämlich 1238 km. Lange galt der Tomasee als eigentliche Rheinquelle, der Vorderrhein, der dort entspringt, ist jedoch fünf Kilometer kürzer. So kommen je nach Kriterium als "eigentliche" Rheinquellbäche zahlreiche Gewässer in Betracht: Nimmt man die Wassermenge, müsste die Quelle des Dischmabachs am Scalettapass in der Gemeinde Davos als Rheinquelle gelten, denn dieser führt dem Landwasser mehr Wasser zu, als dieses an dieser Stelle hat, das Landwasser mehr als die Albula, die Albula mehr als der Hinterrhein. Die Aare ist bei ihrer Mündung ebenfalls mächtiger als der Rhein. Nach dieser Logik wäre also die Gletscherzunge des Aaregletschers die eigentliche Rheinquelle.
Seite „Rheinquelle“. In: Wikipedia – Die freie Enzyklopädie. Bearbeitungsstand: 13. Oktober 2025, 21:50 UTC. [12.01.2026]
Johann Gottfried Ebel findet Trun zwar bereits ziemlich schön, schlägt aber zugleich Massnahmen zu weiteren Verbesserung der Lebensqualität im Ort vor:
"Trons liegt 2 Viertelstunde vom Rhein, ist der schönste und fruchtbarste Ort im Hochgericht Disentis, und geniesst einer malerischen Lage und die schönsten Aussichten im Vorder-Rheinthal. Wenn die sumpfige Ebne unterhalb dem Dorfe von Steinen und Gesträuch gereinigt und angebaut würde, so müsste die Lage von Trons noch gesunder, und die Einwohner wohlhabender werden."
Johann Gottfried Ebel, Anleitung, auf die nützlichste und genussvollste Art die Schweitz zu bereisen, Bd. 4, Zürich 1810, S. 369
Johann Gottfried Ebel fand an Ilanz das gehäufte Auftreten von Kröpfen in der Bevölkerung bemerkenswert, einer krankhaften Vergrösserung der Schilddrüse, die auf einen Jodmangel in der Ernährung zurückzuführen ist. Desweiteren streicht er die Bedeutung der Stadt als Vorort des Grauen Bundes heraus, einer Vereinigung von Gemeinden des Vorder- und Hinterrheintals sowie des Misox, die seit 1395 bestand und später dem Kanton Graubünden seinen Namen gab.
"ILANZ, (Rhät. Ilan oder Jlon) im K. Graubündten, am Fusse des Mundaun oder Karlisberg im erweiterten Thal die Grube genannt, zwischen dem Vorder-Rhein und Glenner, der von S. her aus dem Lugnetzer-Thale hervorströmt. Wirthshaus: Bey Fr. Stutli oder im Neuen Haus, oder im Lowen ausser der Stadt. Ist die erste Stadt am Rhein, und die einzige, welche romanisch spricht. Sie hat zwey Vorstädte: S. Nicolai und Portasura. Die Brücke über den Rhein ist hier sehenswerth. Die Bürger sind Protestanten. Am 29. September ist hier ein sehr grosser Viehmarkt. Unter den Weibern von Ilanz, so wie in der Nähe desselben, da, wo sich das Thal verengt, unter den Einwohnern viele Kröpfe. Ilanz ist Hauptort des Hochgerichts Grub (rhät. la Fopa), welches deswegen so genannt wird, weil die Ortschaften desselben in einer Vertiefung liegen. Mit Thusis und Trons abwechselnd wird hier das Appellations-Gericht des Grauen-Bundes gehalten. Das Archiv des Grauen-Bundes ist hier. [...] Bey Ilanz werden köstliche Forellen von 20-24 Pfund Gewicht gefangen."
Johann Gottfried Ebel, Anleitung, auf die nützlichste und genussvollste Art die Schweitz zu bereisen, Bd. 3, Zürich 1810, S. 208; Claudine Als, Kretinismus, in: Historisches Lexikon der Schweiz (HLS), Version vom 04.11.2008. [10.01.2026]; Martin Bundi, Grauer Bund, in: Historisches Lexikon der Schweiz (HLS), Version vom 14.01.2010. [11.01.2026]
Über den Ursprung des Hinterrheins weiss Gottlieb Sigmund Gruner (1717-1778) 1760 folgendes zu berichten und benutzt dabei die Bezeichnungen "Abend", "Mittag" und "Mitternacht" für Himmelsrichtungen und "Stunden" als Distanzangabe. Eine Stunde entspricht dabei 15'000 bis 18'000 Fuss, also etwa 4.5 bis 5.2 Kilometer.
"Die eigentliche und ächte Quelle des Rheins nicht wol zu bestimmen. Gehet man im Rheinwald vom Dorfe zum Rhein einige Stunden gegen Abend, durch das Paradies, dem Runse des Rheins, der aber daselbst nur ein kleiner Bach ist, nach; so sieht man, wie gedacht, nichts als Gletscher, Schnee und Eis, und von denselben an verschiedenen Orten Wasser hinabtriefen, welches aber nichts anders als Schmelzwasser ist, und im Winter sich wieder verliert. Hingegen quellen hinter dieses Gletschern, auf den Bergen, ja auf ihren Spitzen, oder nach der Mundart der Einwohner, auf ihren Gräden, oben, unten, gegen Mittag und Mitternacht, bald da bald dort, schöne reiche Wasserquellen hervor, unter denen die innerste in einer schönen Ebne, mit einem grossen Ueberflusse an frischem gesunden und kristalllauterm Wasser hervorbrudelt, sich mit den übrigen vereinigt, unter den Gletschern aber sich bald wieder verliert, und unter denselben eine gute Stunde unsichtbar von Abend gegen Morgen bis in die Caportalp fortläuft; bis er endlich unter dem vorbemelten ungeheuren Gletscherberge, durch ein stolzes von lauter Eise gemachtes Gewölbe hervorquillt. Dieses soll die ächte Quelle des Rheins seyn."
Von diesen einst mächtigen Gletschern sind heute nur noch kleine Reste des Paradies- und Zapportgletschers übrig.
Gottlieb Sigmund Gruner, Die Eisgebirge des Schweizerlandes, 2. Teil, Bern 1760, S. 80
Diese Ansicht ist einer der wenigen im Grossen Rheinwerk, zu denen tatsächlich ein Begleittext erschienen ist. Dort lesen wir:
"Berggegenden haben das Eigene, dass sie von jedem veränderten Standpunkt eine neue Ansicht gewähren. Dies zeigt sich überraschend an dem Bilde vom Rheinwaldgletscher, welches der Künstler auf dem zweiten Blatte giebt. Die Fluthen haben hier, in uralter Zeit, zwischen den gigantischen Felsen des Vogelbergs, ein enges Thal durchgefressen; wild und schauerlich, wie die Alten den Eingang zur Unterwelt beschreiben. Dieses Thal, welches, drei Stunden lang, vom Dorfe Hinterrhein bis zum Gletscher sich fortwindet, wird scherzhaft das Paradies genannt, von welchem die Hölle nicht fern liegt. Zertrümmerte Granitberge, schauerliche Wasser in nächtlichen Waldschatten und das Gebrüll fallender Ströme, bilden eine Szenerei, die mit Grauen erfüllt, und an den finstern Tartarus erinnert. Bergamasker Hirten treiben in das Rheinwald-Thal, einige Wochen im Sommer, ihre Schaafe, und dienen auch wohl den Fremden zu Führern; für Rinder ist hier alles zu jäh und abschüssig. [...] Wenn bisweilen, von der brennenden Sonnengluth, der Rheinwaldgletscher abschmilzt, und dadurch einzelne Theile des Felsens, worauf er liegt, entblöst werden, so erscheinen auf der Oberfläche breite, niedere Erhöhungen, wie nebeneinander liegende Heuhäufchen. Die Gletscher im Hintergrunde sollen, nach der Beobachtung der Hirten zunehmen, und mehrere, sonst besuchte Triften schon unter neu entstandenen Eislagern verschwunden seyn."
Alois Schreiber, Begleittext zum Ouvrage representant en 70 à 80 feuilles les vues les plus pittoresques des Bords du Rhin [...], Schaffhausen/Laufen am Rheinfall ca. 1827-1843 (Exemplar im Museum zu Allerheiligen Schaffhausen, C5408), S. 5-6
Wollten Künstler oder Naturforscher um 1800 die Berge des Rheinquellgebiets besteigen, wandten sie sich an Placidus a Spescha (1752-1833), einen Mönch im Kloster Disentis. Der bergsteigende Pater genannt, fühlte er sich über der Baumgrenze am wohlsten und führte mit Begeisterung Fremde auf die schwindelerregenden Bergspitzen. Auch Louis Bleuler liess sich von ihm die interessantesten Orte zeigen, als er 1817/18 die ersten Ansichten seines Rheinwerks aufnahm.
Spescha beschreibt anschaulich eine Besteigung des Rheinwaldhorns (3402 m.ü.M.), die er 1791 mit den "Herren Doktoren" Albrecht Rengger (1764-1835) aus Bern, Jakob Ackermann (1765-1815) aus Mainz und Wilhelm Friedrich Domeier (1763-1815) aus Hannover unternommen hatte:
"Die Herren versahen sich vom Hinterrhein aus mit einem Führer, der sich sehr erfahren zeigte; ich aber nahm zu meiner Sicherheit ein Bergomasker-Schaafhirt aus der Alp Zaport mit, der Antoni N. hiess. Wir übersetzten den Thalglätscher in Zeit von 2 Stunden und nächerten der Schlucht, die südwestlich dem Guver-Horn liegt. [...] Die ostsüdliche Seite der Schlucht war schneelos; als wir aber ihr Rückengrad erreicht hatten und der Führer die Vertiefung des Lenta-Glätschers erblickte, wollte er lieber sein Taglohn verlieren, als weiters mit uns gehen; er blieb also zurücke. [...] Nun war der beschneite Rücken des zu besteigenden Berges gegen Südwesten zu besteigen. Der Hirt ging vor aus, ich folgte und mir die übrigen. Der Rücken fing an, abschüssiger und schmähler zu werden. Der Herr, welcher mir nachfolgte, ergriff und hielt sich an meiner Kutte, und die übrigen an ihre Röcke. Das Ding fiel mir schwer vor; ich ging also den Schäfer an: er möchte auch erlauben, an seinem Rockzipfel mich halten zu lassen etc., und er's erlaubte, denn der Rückengrad war spitzig und Rechts ausglitschen wäre Gefahr des Unglücks gewesen. [...] Renggar entschlifft, und wäre ich ihm nicht nachgesprungen, würde er wie ein Pfeil über die lange Schneeseite herabgefahren seyn [...]. Ich führte ihn also wieder zu den andern; allein sie wurden von diesem Zufall so abgeschröckt, dass sie um kein Schritt weiters zu bringen waren."
Auch auf dem Abstieg geriet die Gruppe in eine brenzlige Situation:
"Wir trafen die Aerzte im Schnee sitzend an, wie wir sie eingepflanzt hatten. Um kein Schritt waren sie aus der angewiesenen Stelle gegangen, und der Schweis, den sie bei der Ersteigung ausgedruckt hatten, war ganz verschwunden. Und wie frohe waren sie, als sie uns erblickten und aus der Gefangenschaft des Schnees führten? Sie waren mit der Aussicht, die sie genossen, sehr begnügt, und keiner klagte sich über seinen Sitzstand. Durch den nemlichen Weg stiegen wir bis zur Schlucht bergab [...]. Ich ging voran und übersetzte eine lange, aber weder schliefrige noch steile Schneelage und befand mich schon unter sie, als die Herrn sie übergehen wollten. Ich sah ihren Uebergang zu. Renggar glitschte aus und fuhr gegen mich her wie ein Pfeil; ich fing ihn auf, ehe er ab dem Schnee war, denn er war ein leichter Herr. Nun traf es dem Herrn Ackermann, der ein fetter und schwerer Mann war, das nemliche Schicksal zu. Ich schoss auf ihn hin, wie ein Jochgeyer auf ein hurtiges Murmelthier schiesst. Allein ich konnte ihn nicht ehender aufhalten, bis meine Beine einen Steinlager erreicht hatten. Sie kamen unbeschädigt davon und nannten mich ihren Retter. Es war, in der That! für mich und sie ein Glück, nicht in das Steinlager mit Gewalt fahren zu müssen, denn sonst würden sie, ohne namhaft beschädiget zu werden, nicht gekommen seyn."
Albert Lutz, Val Medel. Naturforscher und Landschaftsmaler erkunden den Rhein und die Berge am Lukmanier, 1700–1830, Curaglia 2024 (Neujahrsblatt der Gelehrten Gesellschaft in Zürich auf das Jahr 2024, 187. Stück); Ursula Scholian Izeti (Hrsg.), Placidus Spescha, Genaue geographische Darstellung aller Rheinquellen [...], Manuskript 1823, Zürich 2005, S. 118-121
Der Begleittext unterrichtet uns über die Eindrücke, die das Hinterrheintal bei Besuchenden erwecken konnte:
"Die Natur verändert sich nun wie durch einen Zauberschlag, ihre Schrecknisse treten in den Hintergrund zurück, und mit der Vegetation verbreitet sich das heitere Leben der Menschen, doch weht über der ganzen Landschaft noch ein Hauch von Melancholie. Rechts schliesst der Wallisser-Berg und hinter ihm das Zaporthorn, links das Muschelhorn den Gesichtskreis, indess zwischen den beiden, immer etwas tiefer, der Paradiesberg und der Vogelberg hervorschimmern. Man sieht den Rhein, den Sohn der Alpen, aus seinem Eispalaste hervorkommen."
Alois Schreiber, Begleittext zum Ouvrage representant en 70 à 80 feuilles les vues les plus pittoresques des Bords du Rhin [...], Schaffhausen/Laufen am Rheinfall ca. 1827-1843 (Exemplar im Museum zu Allerheiligen Schaffhausen, C5408), S. 6-7
Der Engländer William Tombleson beschreibt Splügen nach seinem Besuch in den 1830er-Jahren:
"Fünf Meilen weiter unten liegt das Dorf Splügen mit fast 300 Einwohnern deutscher Abstammung, die sich zur reformierten Religion bekennen. Es liegt am Fuße der Südseite des gleichnamigen Berges, der zusammen mit dem Berg Bévers mehrere Marmorsorten hervorbringt, von denen einige in ihrer Schönheit denen aus Carrara in nichts nachstehen. Seit vielen Jahren werden diese wertvollen Steinbrüche abgebaut und versorgen viele bedeutende Bildhauer mit reichlich Material für die Ausübung ihrer Kunst. Das Dorf liegt wie das vorherige am linken Ufer des Flusses und hat, da es an der Kreuzung der beiden großen Straßen von Chur nach Italien liegt, ein lebhaftes Aussehen und ist sehr wohlhabend. In dem ausgezeichneten Gasthaus „Bodenhaus” sind Mineralien und Pflanzen ausgestellt, die für die umliegenden Berge typisch sind. Der Fuß des Splügenpasses endet am gegenüberliegenden Ufer, wo die südöstliche Straße nach Italien abzweigt."
William Tombleson, Tombleson‘s Upper Rhine, London 1832, S. 172
Johann Gottfried Ebel konnte 1810 noch einen Besuch des Wasserfalls, der auch als "oberer Rheinfall" bekannt war, empfehlen. Heute ist der Hinterrhein an dieser Stelle so hoch aufgestaut, dass vom Wasserfall nicht mehr viel übrig ist.
"Von Andeer nach Splügen durch den Pass, die Roffeln 22 St. Bey dem zerfallnen Schloss Bärenburg, ehedem der Schlüssel eines der wichtigsten Alpenpässe und schreckliches Raubnest, [...] ist der Eingang in die Roffeln, und hier stürzt der Averserbach fürchterlich schön in den Rhein, der aus der Roffeln hervorwüthet. Man steige um die Mittagszeit bey Sonnenschein hinunter in die Kluft auf eine Halbinsel, die sich ins Flussbeet ziehet. Die Roffeln, auch die innere Viamala genannt, ist nicht so wild und schauerlich, als die äussere Viamala."
Johann Gottfried Ebel, Anleitung, auf die nützlichste und genussvollste Art die Schweitz zu bereisen, Bd. 2, Zürich 1810, S. 84
Bei William Tomblesons Ansicht von Andeer lesen wir:
"Andeer ist ein Dorf im Tal von Schams, in einer romantischen Landschaft, auf einer Höhe von 3168 Fuß über dem Meeresspiegel, zwischen den beiden Schluchten Via Mala und Rofflen. [...] Die Einwohner bekennen sich zur reformierten Religion und sprechen den romanischen Dialekt, von dem der örtliche Pfarrer Mathias Conrad eine Grammatik veröffentlicht und dessen Identität mit der Poesie der Romantik durch eine Sammlung von Liedern geprägt hat, die von den Troubadouren der alten Zeit stammen. Alle sechs Jahre hält der reformierte Klerus von Graubünden hier eine Synode ab. Das Dorf ist schön gebaut und verfügt über ein gutes Gasthaus mit dem Zeichen des Weißen Kreuzes."
William Tombleson, Tombleson‘s Upper Rhine, London 1832, S. 173
"Wir kommen nun nach Zillis, einem Dorf, das ebenfalls im Schams-Tal liegt und 70 Häuser mit fast 400 protestantischen Einwohnern umfasst, deren Sprache das Rätoromanische ist. In der Nähe dieses Ortes befinden sich zwei Brücken über den Rhein und ein malerischer Wasserfall, der vom Fluss gebildet wird, bevor er in die gefürchtete Via Mala mündet, deren zerklüftete Felsen auf merkwürdige Weise mit menschlichen Behausungen durchsetzt sind [...]."
Erstaunlicherweise erwähnt keiner der Reiseführer die heutige Hauptattraktion von Zillis, nämlich die Holzdecke in der Kirche mit ihren romanischen Malereien. Diese war 1808 erstmals beschrieben und 1820 sogar renoviert, in ihrer wissenschaftlichen Bedeutung aber erst durch Johann Rudolf Rahn (1841-1912) 1872 erkannt worden. Stattdessen findet die Sage vom einstigen Burgherren von La Tur bei Zillis, der seine Untertanen drangsalierte und dafür bestraft wurde, mehrmals Erwähnung.
William Tombleson, Tombleson‘s Upper Rhine, London 1832, S. 173; https://zillis-st-martin.ch/kirchendecke-st-martin-zillis/ [19.01.2026]
Der deutsche Maler Johann Georg Primavesi beschreibt anschaulich die bedrohliche Passage in der wilden Schlucht:
"Wir sind nun auf der eigentlichen Via mala, d. h. auf jenem Theile des Weges, der für Fahrende allerdings nicht ohne Gefahr ist. Um diesen Weg zu befahren, bedient man sich hierzu besonders eingerichteter Wagen mit niedern Rädern. Auf diesen werden die Waaren aus Italien, und auch dahin gebracht; doch geschieht dies mehr auf sogenannten Saumpferden, deren wöchentlich gegen 400 hier passiren. Via mala heisst eigentlich der ganze Weg, der durch die Bergschlucht von Rongella bis gegen Ander führt. Der Theil, worauf wir hier stehen [...], heisst die innere, der gegen Ander die obere, und der gegen Rongella die untere Via mala. Im Jahre 1470 hatten die Einwohner von Tusis diese ungeheure Arbeit unternommen. Zur Stellung der Brücken mussten zuerst Mastbäume, hohe Tannen durch Stricke oben über die Felsenwände des Schlundes herabgelassen, das eine Ende derselben an der einen Seite befestiget, und das andere an die jenseitige Wand gelagert werden.
Ehe wir von oben herab zur Brücke gelangen, glauben wir in einen Kerker geführt zu werden; die drei Tannen links bei der Brücke stehen wie Thorwächter da, als sollten sie uns den Uebergang verweigern. Kaum haben wir auf der Brücke einen freieren Ausblick gewonnen, so müssen wir wieder hinab zwischen schroffe Felsenwände, und winden uns bei dem Geländer im Vordergrunde gleichsam unter dem grossen Felsen hervor. Die Felsenwölbung rechts der Brücke setzt einen Sturz voraus, wodurch sie gebildet ward, und die etwas geregelte Bildung der Felsen links der Brücke schien von Menschen Händen macht, überstiege dies nicht die menschlichen Kräfte, in einem engen Thale, wo fast keine Maschienen gebraucht werden können. Die Sage berichtet, dies Geländer sey erst später entstanden, nachdem ein Fuhrmann mit Wagen und Pferden hinabgestürzt war, wie dann allenthalben das Gute nur durch vorhergegangene Unglücksfälle veranlasst wird."
Johann Georg Primavesi, Der Rheinlauf, von dessen verschiedenen Quellen bis zur Vereinigung des Vorder- und Hinter-Rheins bei Reichenau, Frankfurt a. M. 1818, S. 26
Johann Gottfried Ebel beobachtete den Ausbau der Strassen in Graubünden um 1818-20 genau und besuchte gar die Baustelle:
"Wie es darum zu thun war, eine breite Fahrstrasse von Chur bis Bellenz zu banen, so zeigte sich hier zwischen Thusis und Schams eine Hauptschwierigkeit. Nach angestellten Untersuchungen und Beaugenscheinigungen beschloss der Strassen-Unternehmer, Herr Staatsrath Poccobelli, die neue Strasse nicht über Rongella, sondern gerade durch die Kluft des Verlohrnen Loches zu führen, und die ungeheure Arbeit der Felsensprengung über den Abgründen des Rheins, fast 3/4 Stunden lang zu wagen. Da die erste Brücke der Viamala nur 312 Fuss höher als Thusis liegt, und die neue Strasse zu derselben hingeführt werden konnte, so wurde das mühsame Ansteigen von 960 F. nach Rongella, und das Herabsteigen von 618 F. bis zur ersten Brücke gänzlich vermieden, wodurch der Weg wegen den vielen Zigzagwindungen sehr verlängert worden wäre, die Kosten nicht zu rechnen. Indessen gehörte grosse Kühnheit dazu, den Gedanken zu fassen, durch diesen Schlund einen Weg zu bahnen. Der Verfasser wagte sich im Herbst des J. 1819 bey seinem Aufenthalt zu Thusis in diese Kluft hinein über eine fussbreite Brücke, welche hoch über den Strom an dem linken Ufer neben den schrecklich zerrissnen und hervorspringenden Felswänden von Holzböcken getragen als Aussteckung für die neue Strasse errichtet war. Von der gräslichen Wildheit dieses Schlundes in seiner ursprünglichen Beschaffenheit lässt sich keine Schilderung geben, und obgleich an das Grausende der Gebirgsnatur gewöhnt, so war der V[erfasser] wahrhaft froh, als derselbe den grünen freundlichen Thalboden wieder betreten hatte. [...] Bey Sprengung dieser Strasse im Verlohrnen Loch sind einige Arbeiter unglücklich geworden [= ums Leben gekommen], die sich nach Anzündung der Minen nicht weit genug entfernt hatten."
Johann Jacob Meyer et al., Die neuen Strassen durch den Kanton Graubündten, Zürich 1825, S. 53-54
William Tombleson informiert uns:
"Tusis, zu dem wir nun kommen, ist der bedeutendste Ort im Domleschg. Es liegt am Fuße des Heinzenbergs, den der Herzog von Rohan zum interessantesten Berg Graubündens und vielleicht sogar der Welt erklärte. Die über 600 Einwohner, die in 112 Häusern leben, sind evangelisch und sprechen in der Regel Rätoromanisch. Im Laufe des Jahres finden hier mehrere Märkte statt, und das Gerbereigewerbe wird mit großem Erfolg betrieben. In der Umgebung befindet sich die erste Rebe, die jemals in diesen hoch gelegenen Teilen des Rheingebiets gepflanzt wurde. Der Ort ist auch für sein ausgezeichnetes Wasser bekannt, das aus einer Quelle am Fuße eines Felsens namens Crapsteig stammt, der jenseits des Nolla liegt, einem Wildbach, dessen manchmal vollständig schwarzes Wasser aus einem langen unterirdischen Gang sprudelt, der mit dem Lüschersee, einem kleinen See, verbunden ist, eingebettet in den Berg Tschappina, und in seinem Lauf mit einer schlammigen Zersetzung von Schiefer vermischt wird, aus dem der Berg besteht. Dieser Schlamm wird oft in so großen Mengen in den Rhein geschüttet, dass er einen Rückstau verursacht und große Verwüstungen in der Umgebung anrichtet. Wir haben auf den vorangegangenen Seiten erwähnt, dass in Reichenau und weit darüber hinaus das vereinte Wasser des Flusses durch diesen Strom völlig geschwärzt ist."
William Tombleson, Tombleson‘s Upper Rhine, London 1832, S. 176-177
"Es gilt als einer der interessantesten Teile der Schweiz. Es umfasst zweiundzwanzig Dörfer, von denen einige am Ufer des Flusses liegen, andere an den Hängen herrlicher Berge ruhen und wieder andere sich inmitten üppiger Weiden im Tal ausbreiten, dessen Schönheit durch die malerischen Ruinen zahlreicher Burgen noch verstärkt wird, deren Besitzer in verschiedenen und weit zurückliegenden Epochen eine herausragende Rolle in der ereignisreichen Geschichte des Landes spielten. Die Einwohner des Tals zählen 3.000 Menschen und sind in Bezug auf Sprache und Religionszugehörigkeit etwa gleichmäßig aufgeteilt; einige sprechen Romanisch, andere Deutsch. Ihre Lebensgrundlage besteht, wie die ihrer Nachbarn, hauptsächlich aus Landwirtschaft, Viehzucht und Transportwesen. Zufrieden mit ihrem Los scheinen ihre Wünsche nie über die Grenzen ihrer Heimat hinauszugehen. Als wir zeitweise ihre ungekünstelte Gastfreundschaft genossen und uns an ihren einfachen Sitten und ihrem beständigen Patriotismus erfreuten, kamen wir zu dem Schluss, dass die vollkommensten Überreste des ursprünglichen Charakters der Schweizer im friedlichen Domleschg zu finden sind."
William Tombleson, Tombleson‘s Upper Rhine, London 1832, S. 177-718
Wie für viele Überbleibsel aus der Feudalzeit war auch für Schloss Rhäzüns der Beginn des 19. Jahrhunderts eine bewegte Zeit:
"Dieses Schloss, dessen Ursprünge weit in die Vergangenheit zurückreichen, befindet sich in einer äußerst malerischen Lage. Von hier aus genießt man einen herrlichen Blick auf den Galanda und die Gletscher des Ringelbergs auf der einen Seite und auf das Domleschg-Tal und die Ruinen von Réalta auf der anderen Seite. In der Nähe des Schlosses gibt es ein wunderbares Echo. [...] Im Friedensvertrag von Wien im Jahr 1805 wurde die Herrschaft Räzuns an Bayern abgetreten; im Vertrag von Pressburg (1809) an Kaiser Napoleon; und der Kanton Graubünden erhielt sie schließlich durch die am 20. März 1815 auf dem Wiener Kongress unterzeichnete Urkunde. Die Übergabe erfolgte am 19. Januar 1821, und seit dieser Zeit wurde sie an Privatpersonen aus dem Kanton verkauft."
Johann Jakob Meyer, Johann Gottfried Ebel, Voyage pittoresque dans le canton des Grisons en Suisse, Zürich 1827, S. 69-75
John Murray erwähnt in seinem berühmten Reiseführer, der unter anderen Karl Baedeker inspiriert hat, unter dem Stichwort Reichenau eine seltsame Begebenheit:
"Reichenau ist eine Gruppe von Häusern, die an der Mündung der beiden Rheine liegt. Die wichtigsten Gebäude sind das Zollhaus (16 Kr. für 2 Pferde), das Gasthaus zum Adler (Aigle) und das Schloss, ein hübscher weiß getünchter Landsitz der Familie Planta. Ende des letzten Jahrhunderts wurde es vom Bürgermeister Tscharner in eine Schule umgewandelt. Im Jahr 1793 kam ein junger Mann namens Chabot zu Fuß mit einem Stock in der Hand und einem Bündel auf dem Rücken hierher. Er legte dem Schulleiter M. Jost ein Empfehlungsschreiben vor, woraufhin er zum Hilfslehrer ernannt wurde und acht Monate lang Unterricht in Französisch, Mathematik und Geschichte gab. Dieser einsame Fremde war kein anderer als Louis Philippe, heute König der Franzosen, damals Herzog von Chartres, der durch den Vormarsch der französischen Armee gezwungen worden war, Bremgarten zu verlassen und sich hier zu verstecken, wo er die bescheidenen Pflichten eines Schulmeisters erfüllte und sich in dieser Funktion bei Lehrern und Schülern gleichermaßen beliebt machte. Sein Geheimnis kannte nur M. Jost. Während seines Aufenthalts hier muss er die Nachricht vom Tod seines Vaters auf dem Schafott und der Deportation seiner Mutter nach Madagaskar erhalten haben."
John Murray, The Hand-Book for Travellers in Switzerland [...], Paris 1840, S. 286-287
Der französische Archäologe und Reiseschriftsteller Désiré Raoul-Rochette (1789-1854) beschrieb 1822 Chur nicht sehr vorteilhaft. Als Konservativer, der sich in Frankreich für die Wiederherstellung der Zustände vor der Revolution einsetzte, störte ihn die Ambivalenz zwischen dem katholischen Bischofssitz und der in seinen Augen übermächtigen reformierten Stadtgemeinde:
"Die Kathedrale aus dem 8. Jahrhundert hingegen ist reich an Denkmälern und Erinnerungen an das Mittelalter. [...] Im Übrigen ist diese Kirche fast die einzige Zuflucht, die dem Adel unter der gegenwärtigen Verfassung Graubündens noch bleibt; und die großen Namen können sich kaum noch im Schutze des Heiligtums fortpflanzen, wo alle Vorrechte der Geburt im Staat abgeschafft sind. Fast alle alten Familien, die nach und nach in Armut geraten und in die unterste Klasse des Volkes zurückgeworfen wurden, haben sogar die Erinnerung an ihre Herkunft verloren [...]. In der Nähe der Kirche befindet sich der Bischofspalast. Dieser Bischof, einer der ältesten und einst reichsten der Christenheit, ist heute einer der ärmsten; seine Einkünfte belaufen sich höchstens auf 10 oder 12 Tausend Franken unserer Währung; er hat keinen Einfluss, er genießt keine Autorität in der Regierung seines Landes – so sieht die heutige Lage eines Bischofs aus, der lange Zeit das Oberhaupt einer in ganz Europa bekannten feudalen Aristokratie war. [...] Einige katholische Häuser gruppieren sich wie die Unglücklichen um ihren Bischof im oberen Teil der Stadt; denn die Stadt Chur ist protestantisch, und ihr Bürgertum schließt den Katholizismus aus: ein Beweis für Intoleranz, die nicht weniger verbreitet ist und mir bei den Reformierten schockierender erscheint als in der römisch-katholischen Kirche. Auch in allen anderen Bereichen gibt es eine strenge Trennlinie zwischen den Katholiken und den Protestanten von Chur; so steht die vor zehn Jahren in dieser Stadt gegründete Kantonsschule nur den Reformierten offen, während die Katholiken ihre eigene Schule im Seminar haben."
Désiré Raoul-Rochette, Lettres sur la Suisse, Paris 1822, S. 168-170; Daniela Vaj, Rochette, Désiré-Raoul, in: Historisches Lexikon der Schweiz (HLS), Version vom 02.12.2010, übersetzt aus dem Italienischen [16.02.2026]
Das Kloster Pfäfers liegt strategisch günstig auf einer Geländeterrasse über den Wegen zu den Bündner Pässen. Es war bereits um 730/750 gegründet worden und betrieb ab dem 14. Jahrhundert die vielbesuchten Bäder in der Taminaschlucht, die zu einem bedeutendem Wirtschaftsfaktor wurden. Johann Gottfried Ebel würdigte die Aussicht von den Hügeln über dem Kloster:
"[...] in den obersten Zimmern [des Klosters Pfäfers], und auf der äussersten Höhe hinter dem Kloster nach NO. 1/4 St. weit, schöne Aussichten auf das breite Thal zu beyden Seiten des Rheins von der Tardis-Brücke an. Man sieht das Schloss Marschlins, den Eingang ins Prettigau; die wilde Landquart, wie sie aus der Kluss tritt; die schönen Oerter Malans, Jenins, Maienfeld, an dem Fuss des Silvan oder Augstenbergs, des Falknis, Geirenspitz und Guscheralp [...]."
Johann Gottfried Ebel, Anleitung, auf die nützlichste und genussvollste Art die Schweitz zu bereisen, Bd. 4, Zürich 1810, S. 27
Ebel schreibt weiter:
"[...]den Fläscher-Berg, um welchen der Rhein sich nordwärts windet, den zweyhörnigen Scholl-Berg, an dessen Fuss Stadt und Schloss Sargans, weiter die sieben Kuhfirsten oberhalb dem Wallenstadter-See, der sich dem Auge verbirgt. Unter den Füssen liegt Ragatz, die Mündung der Tamina in den Rhein, die Ruinen der Schlösser Nydberg und Freudenberg."
Johann Gottfried Ebel, Anleitung, auf die nützlichste und genussvollste Art die Schweitz zu bereisen, Bd. 4, Zürich 1810, S. 27
Die deutsch-dänische Reiseschriftstellerin und Publizistin Friederike Brun (1765-1835) bereiste 1795 die östliche und südliche Schweiz. Sie beschreibt die Strecke im Alpenrheintal:
"Rechts strömte in der Tiefe des Rheinthals zwischen dem Fläscher und Vadutzer Berge, der Rhein im Morgenglanz und jungem Augustgrün dahin; ich reise nun, doch (in einer Spirallinie am Gürtel der Sarganser Berge) Angesichts des jenseit dem Strom liegenden Weges, den ich nach Chur, durchs Vorarlbergische machte; da erscheint Balzers hinter seinem grünen Hügelwall, und die melancholische Ruine von Guttenberg tritt feierlich auf. Wir reisen noch immer am langen Schollberg, der sich in Kronen ausbreitet, in Klüfte einfällt und liebliche Berggelände absenkt; Atzmoos und Räzüns liegen auf seiner breiten Seite; wir lassen Werdenberg links liegen, und rechts zieht jenseit dem Rhein Badutz mit seinen schönen Bergfernen uns vorüber [...]."
Friederike Brun, Tagebuch einer Reise durch die südliche, östliche und italienische Schweiz, Kopenhagen 1800, S. 112
Karl Baedeker gab 1844 den Touristen folgende Informationen über das Fürstentum Liechtenstein mit:
"Am rechten Ufer des Rheines liegt deutsches Bundesland, das zwei Quadratmeilen grosse souveraine Fürstenthum Liechtenstein, welches 55 Mann zum Bundesheer stellt. Der Fürst wohnt meistens in Wien oder auf seinen andern zahlreichen Mediat-Besitzungen in Oesterreich. Die Einkünfte des kleinen Ländchens betragen etwa 20'000 Gulden. Der Hauptort ist Vaduz."
Karl Baedeker, Die Schweiz. Handbüchlein für Reisende [...], Koblenz 1844, S. 401-402
"Werdenberg, sehr kleine, nicht einmal mit einer eignen Pfarrkirche versehene Stadt, ehemals Hauptort der Grafschaft gleichen Namens, im Kanton S. Gallen. Wirtshaus: Bär. Sie liegt am nordöstlichen Fuße der Kuhfirsten in einer angenehmen, fruchtbaren Gegend in der Nähe des Rheins. Noch steht oberhalb des Ortes das alte Schloß, Stammhaus der berühmten Grafen von Werdenberg. Einer schönen Aussicht genießt man vom nahen Grabserberg. Ein grosser Jahrmarkt und die Strasse nach Bünden beleben den Ort, ausserdem nähren sich die Einwohner (Reformirte) von Landwirthschaft, Pferdezucht, und von Arbeiten für die Baumwollenfabriken S. Gallens und des Kantons Appenzell. Weg. In anderthalb Stunden erreicht man auf einem steinigten Wege Wildhaus im Tockenburg."
In der Tat ist Werdenberg mit seinen heute etwa 90 Einwohnern eine kleine Stadt, sogar die kleinste der Schweiz. Die geringe Bedeutung führte dazu, dass die mittelalterliche Bausubstanz des Örtchens noch heute grösstenteils erhalten ist.
Heinrich Heidegger, Handbuch für Reisende in der Schweiz, 4. Auflage, Zürich 1818, S. 470-471; Lorenz Hollenstein, Werdenberg, in: Historisches Lexikon der Schweiz (HLS), Version vom 03.10.2013 [16.02.2026]
Von ihrer Reise im Jahr 1795 berichtet uns Friederike Brun:
"Aus Feldkirch fuhren wir sogleich auf einer Brücke über die schäumende Ill, und bald darauf öfnete sich ein Rückblick, der alle wilde Schönheit des hohen Alpenstyles vereinigte. Der grünliche Felsstrom drängt sich durch ein enges Nebenthal, und die jenseitige Öfnung desselben ist durch zwei prachtvolle Bergprofile bezeichnet, die mich plötzlich an den Aufgang ins Thal von Grindelwald im bernischen Oberland erinnerten. Links ab vom keilförmig gestellten Berge eröfnet sich eine erhabene Bergferne über eine verschleierte Tiefe (ich glaube das Rheinthal) hin). Es fehlt uns leider an einer guten Charte, und die Bewohner des Landes antworteten so unwillig und verworren auf jede Frage, dass ich immer nur das Land errathe."
Friederike Brun,Tagebuch einer Reise durch die südliche, östliche und italienische Schweiz, Kopenhagen 1800, S. 36-37
Weiter erinnerte sich Friederike Brun an ihren Besuch in Altstätten:
"Wir erreichten Altstetten, den Hauptflecken des Rheinthales und das Ziel unserer heutigen Reise mit der ausbrechenden Dunkelheit. Dieser Gränzort von Appenzell und Rheinthal liegt anmuthig auf grünem Hügelfuss vor den Appenzeller Gebürgen; alles zeugt hier von Wohlstand, Ordnung und Fleiss, und wir traten fröhlich in das geräumige hölzerne Schweizerhaus, wo eine reinliche Mahlzeit uns nach so langem Entbehren recht herzlich erquickte. S***s und Carl, (denn der Knabe hängt unabtrennbar an dem edlen S***s, dessen hohes Bild sich ihm unauslöschlich einprägen möge!) waren in diesen reizenden grünen Irrgängen, etwas wegab gekommen, und langten erst spät an."
Sie erwähnt dabei ihren Reisebegleiter, dessen Identität sie nur ausgewählten Personen preisgeben wollte. Wir können jedoch annehmen, dass es sich bei "S***s" um Johann Gaudenz von Salis (Seewis) (1762-1834) handelte. Der Spross eines alten Bündner Adelsgeschlechts begeisterte sich für die Ideen der Französischen Revolution und war ein bedeutender Dichter.
Friederike Brun, Tagebuch einer Reise durch die südliche, östliche und italienische Schweiz, Kopenhagen 1800, S. 122-123; Andreas Fankhauser, Salis, Johann Gaudenz von (Seewis), in: Historisches Lexikon der Schweiz (HLS), Version vom 12.01.2012 [16.02.2026]
Der gewundene Wasserlauf auf dieser Ansicht heisst heute "Alter Rhein". Es handelt sich um den Überrest der ehemaligen Rheinmündung in den Bodensee, die allerdings immer wieder über die Ufer trat und den Menschen zum Verhängnis wurde.
"Um der häufig sich wiederholenden Rheinnot und Pein abzuhelfen, die seit Jahrhunderten bald die rechte, bald die linke Talseite des Rheines heimsuchte, haben sich Oesterreich und die Schweiz im Dezember 1892 nach jahrzehntelangen Unterhandlungen in einem Staatsvertrage verpflichtet, die Regulierung des Flusslaufes von der Illmündung bis zum Bodensee gemeinsam und auf gemeinsame gleiche Kosten durchzuführen. Die Baukosten waren auf 16 560 000 Fr. veranschlagt. Nach allseitiger Genehmigung dieses Vertrages durch die zuständigen Organe wurde 1895 ungesäumt mit den Bauarbeiten begonnen und das erste Teilstück, der Fussacher Durchstich, im Mai 1900 eröffnet. Die dadurch bewirkte Flusslaufkürzung von über 12 km auf rund 5 km erzielte [...] eine Senkung des Hochwassers, die bis gegen Oberriet bemerkbar war. Die günstige Wirkung der neuen Ausleitung des Rheines in den Bodensee kam namentlich beim ausserordentlichen Hochwasser vom Juni 1910 zur Geltung; ohne diese wäre wohl das untere Rheintal damals einer schweren Katastrophe zum Opfer geworden."
C. B., Internationale Rheinregulierung. (Im St. Gallischen Oberrheintal), in: Schweizerische Bauzeitung 79/80 (1922), Heft 15, S. 198-199
"RHEINECK, Städtchen im K. St. Gallen, 1 St. vom Einflusse des Rheins in den Boden-See, in der Landschaft Rheinthal. Wirthshäuser: Krone, und Rebstock. [...] Dasselbe geniesst eine schöne Lage in der Mitte des Unter-Rheinthals. Von hier auf den Buch-Berg (1 St.) ein angenehmer Spaziergang, wo bey dem sogenannten steinernen Tisch eine herrliche Aussicht ist. [...] Die Spaziergänge von Rheineck nach Thal und Staade herab, und von Rheineck herauf nach St. Margaretha, Bernang, Rebstein, Marbach und Altstädten längs dem herrlichen Berggelände gehören zu den reizendsten in der Schweitz. Weinberge, Obstbäume, Wiesen, Felder, überziehen die Thälchen und mannigfaltigen Hügel, welche zu den Appenzeller-Ber- gen emporstufen, und eine Menge Dörfer, Weiler, Schlösser und schöne Landhäuser beleben das Ganze. [...] Rheineck hat einige schöne Gebäude; viel Holz- und Durchgangs-Handel, Bleichen, Färbereyen und Leinewand-, Baumwollenzeug-, Hals- und Schnupftuch-Fabriken; geschickte Handwerker. Hier wohnt Hr. Kuster (ehmaliger Finanzminister der helvetischen Republik)[...] und Hr. Joh. Rud. Steinmüller (Prediger), welcher ein Naturalien-Kabinet besitzt, und als Naturforscher und Schriftsteller rühmlichst bekannt ist. [...] Auch wächst in diesem Bezirke am Buch-Berge der besste rothe Rheinthaler-Wein, welcher der edelste in der ganzen deutschen Schweitz ist, und der besste weisse Rheinthaler-Wein wächst bey Bernang."
Johann Gottfried Ebel, Anleitung, auf die nützlichste und genussvollste Art die Schweitz zu bereisen, Bd. 4, Zürich 1810, S. 95-97
Auf dieser Ansicht sehen wir schön die beiden Verkehrswege entlang des Bodensee-Ufers. Einerseits die Strasse, auf der aber nur Fussgänger und Reiter unterwegs sind. Sie wird ab 1838 zur Kunststrasse ausgebaut werden. Schon jetzt sehen wir aber die sie begleitenden Baumreihen. Dabei handelte es sich auf thurgauischem Gebiet um Kastanien, im Kanton St. Gallen um Pappeln. Viel leistungsfähiger und geeigneter war dagegen der Warentransport auf dem Wasser: Getreide und Salz wurden auf diesem Weg zu hunderten Tonnen jährlich in die Schweiz transportiert; Tuch, Wein, Käse und Schmalz verliessen sie wieder.
Inventar historischer Verkehrswege der Schweiz (IVS) SG 36 (PDF) [02.02.2026]; Inventar historischer Verkehrswege der Schweiz (IVS) TG 40 (PDF) [02.02.2026]
"ARBON, eine kleine Stadt am Bodensee, Kant. Thurgau, Arbor felix zur Zeit der Römer. Man will bey sehr niedrigen Wasserstand altes Gemäuer im See sehen. Die Lage ist sehr schön; ein wahrer Obstbaumwald umgiebt sie. Zitzfabriken hier. An dem Thurm des Schlosses zeigt sich die Bauart aus der Zeit der Merovingischen Könige."
Mit "Zitz" meint Ebel ein "buntbedrucktes Baumwollgewebe in Leinenbindung mit Hochglanzeffekt". Arbon hatte also auch seinen Anteil an der Ostschweizer Textilindustrie jener Zeit.
Johann Gottfried Ebel, Anleitung, auf die nützlichste und genussvollste Art die Schweitz zu bereisen, Zürich 1810, Bd. 2, S. 128; Veronika Feller-Vest, Lütschg, Jakob, in: Historisches Lexikon der Schweiz (HLS), Version vom 05.04.2007 [16.02.2026]
Konstanz war den Reisenen im 19. Jahrhundert vor allem wegen seiner Bedeutung als Konzilstadt zu Beginn des 15. Jahrhunderts im Gedächtnis. Ebel erwähnt darüberhinaus auch das zeitgenössische Kunstschaffen in der Stadt:
"Prächtige Aussichten auf dem Thurm der Dohmkirche, an dem Hafen, auf dem Damm, auf der Brücke, auf der Insel Meinau 1 St., auf der Insel Reichenau im Zeller-See [...], im Hardt 12 St. von der Stadt, und bey Spatzierfahrten auf dem Boden-See. Schöne Arbeiten von altem gothischem Bildwerk in Holz und Stein sind in der Dohmkirche. Bey HH. Niklas Matt und Felix Späth werden geätzte Zeichnungen von vielen Gegenden des Bodensees verkauft. Mehrere Jahre wohnte hier (jetzt zu Frankfurt am Main) der vortrefliche Landschafts und Bildnissmaler Hr. Biedermann (aus Winterthur gebürtig). Seine Schweitzer-Landschaften sowohl in Oel als in farbiger Waschmanier gehören zu den herrlichsten Arbeiten dieser Art [...]."
Johann Gottfried Ebel, Anleitung, auf die nützlichste und genussvollste Art die Schweitz zu bereisen, Bd. 3, Zürich 1810, S. 249
Ebel kann einen Besuch der Insel Mainau, die heute vor allem für ihre Blumengärten berühmt ist, nur wärmstens empfehlen:
"MEINAU (die Insel), in der nördlichen Bucht des Boden-Sees, mit dem westlichen Ufer vermittelst einer schmalen Brücke von 630 Schritten verbunden, von wo man in 12 St. nach der Stadt Konstanz spaziert. Reisende, welche sich mit ihrer Kutsche von Ueberlingen oder Mörsburg nach Meinau übersetzen lassen, finden hier Pferde, mit denen sie nach Konstanz fahren können. Die Insel, ein Hügel von 4 St. im Umfange, war ein Eigenthum des Johanniter-Ordens; das Schloss des Komthurs steht am höchsten Punkte; alle Reisende sind hier ausserst gütig und gefällig aufgenommen. Gemüse- und Obstgärten, Weinberge, Kornfelder und Wiesen beleben dieses herrliche Eiland, welches von 50-60 Personen bewohnt wird. Lage und Aussichten dieser Insel sind prächtig, und sie verdient deswegen von jedem Freunde der Natur einen Besuch. Die schönsten Standpunkte sind in den obern Zimmern des Schlosses und in dem Garten. Sehenswerth noch hier die Weinkeller, in denen 100 Fässer liegen, wovon jedes 5000 Flaschen, und ein einziges 184,320 Flaschen fassen kann."
Johann Gottfried Ebel, Anleitung, auf die nützlichste und genussvollste Art die Schweitz zu bereisen, Bd. 3, Zürich 1810, S. 455-456
"Die Insel ist 14 St. lang, 2 St. breit, und enthält in den drey Dörfern St. Johann, Ober- und Niederzell 1600 Einwohner. Am östlichen Ende sind die Ruinen der Burg Schopflen. Im Herbst schwindet der See so sehr, dass man von Schopflen nach Wollmattingen trocknen Fusses gelangen kann. Die Insel ist fast ganz mit Weinbergen bedeckt; der besste Wein des ganzen deutschen Ufergeländes um den Bodensee ist der Schleitheimer auf der Insel Reichenau. Auf dem höchsten Hügel der Insel steht ein Kreutz, wo sich eine herrliche Aussicht darbietet. Die Abtey kam in Verfall, wurde im J. 1538. dem Hochstift Konstanz einverleibt, und gehört nebst der Insel und den schwäbischen Ufern am Zellersee seit 1802. dem Grossherzog von Baden."
Johann Gottfried Ebel, Anleitung, auf die nützlichste und genussvollste Art die Schweitz zu bereisen, Bd. 4, Zürich 1810, S. 523-524
Im Reiseführer von Karl Baedeker – damals noch nicht unter der später gebräuchlichen Abkürzung bekannt – konnten die Reisenden folgendes über Stein am Rhein erfahren:
"Stein (Whsr. Schwan, Krone), ein altes malerisch gelegenes, zu Schaffhausen gehöriges Städtchen am rechten Rheinufer, mit dem linken Ufer durch eine Brücke vereinigt. Einige Häuser, namentlich der rothe Ochse und der weiße Adler neben dem Kaufhaus, haben ihre nicht ganz schlechten Frescogemälde, welche die ganze Vorderseite mit Gegenständen der verschiedensten Art bedecken, unversehrt bewahrt. Das alte Schloß Hohenklingen, auf einem Berge gehört der Stadt Stein und wird von einem Pächter bewohnt."
Karl Baedeker, Die Schweiz. Handbüchlein für Reisende [...], Koblenz 1844, S. 50
Heinrich Heidegger beschreibt 1818 das Städtchen Diessenhofen:
"Diessenhofen, kleine Stadt von 204 Häusern und ungefähr 1200 Einwohnern im Kanton Thurgau. Wirthshaus: Sonne. Dieses Städtchen liegt in einer fruchtbaren, hügelreichen Gegend am Rheine, über welchen eine bedeckte Brücke führt, sie ist die nördlichste der Schweiz [...]. Die Strassen sind ziemlich breit und mit einigen artigen Häusern geziert. Die Einwohner, Reformirte und Katholiken, verrichten ihren Gottesdienst in der nämlichen Kirche und nähren sich größtentheils vom Landbau; die Durchführe vom Bodensee nach Konstanz giebt einigen Verdienst. Das schöne Dominikanerfrauenkloster S. Katharinenthal liegt eine Viertelstunde vom Ort."
Heinrich Heidegger, Handbuch für Reisende in der Schweiz, 4. Auflage, Zürich 1818, S. 177
Schaffhausen war vor allem wegen seiner Lage als Grenzstadt und seiner Nähe zum Rheinfall bemerkenswert – fand jedenfalls Karl Baedeker 1844:
"Schaffhausen, die Hauptstadt des Cantons gleichen Namens, mit 6083 meist reformirten Einwohnern, hat die äußern Formen der mittelalterigen Bauart besser bewahrt, als irgend eine andere Stadt der Schweiz, weil hier seit Jahrhunderten durch Brand kein Haus zerstört worden ist. Die Erker, die eigenthümlichen Dächer, die Ringmauer, welche die Stadt von der Landseite ganz umgibt, das stattliche alte Schloß Unnoth, die alterthümlichen Thore gewähren Schaffhausen ein sehr malerisches Ansehen, besonders von dem gegenüber gelegenen Dorfe Feuerthalen aus. Sonst freilich bietet die Stadt wenig Bemerkenswerthes, sie dürfte kaum anders als das Thor der Schweiz, als die Einbruchs-Station, wie der Oesterreicher sich ausdrückt, betrachtet werden und nur Durchreisende in ihren Mauern sehen, wenn nicht der Rheinfall Jeden fesselte."
Der Verleger dieser Ansichtenfolge, Johann Ludwig (Louis) Bleuler, gründete 1824 seinen eigenen Verlag im Haus "zur goldenen Lilie" in Schaffhausen, den er 1832 auf das nun von ihm gepachtete Schloss Laufen am Rheinfall verlegte. Dort führte er bis zu seinem Tod 1850 die Bleulersche Malschule und koordinierte die Produktion der zahlreichen Ansichten.
Karl Baedeker, Die Schweiz. Handbüchlein für Reisende [...], Koblenz 1844, S. 44-45; Robert Pfaff, Die Bleuler Malschule auf Schloss Laufen am Rheinfall, Neuhausen am Rheinfall 1985, S. 36; Werner Rutishauser, Ludwig Bleuler, in: SIKART Lexikon zur Kunst in der Schweiz, 2015 (erstmals publiziert 1998) [16.02.2026]
Schon immer haben die Menschen den Rheinfall nicht nur als Verkehrshindernis wahrgenommen, sondern auch als Naturwunder, das zu sehen auch von weither anzureisen sich lohnte. Der Schaffhauser Chronist Johann Jakob Rüeger (1548-1606) beschreibt dies um 1600 – und die Faszination für die tosenden Wassermassen hat seither keineswegs abgenommen.
"[Der Rheinfall] ist der recht groß Loufen und fal des Rhins, von dem man als von einem wunderwerk so vil in allen landen sagt, dem ouch so vil lüt von feeren landen zuoloufend, inne zuobesichtigen. Dann der Rhin an disem ort einen grusammen, schützlichen, wunderbaren hohen fal hat; do mag kein schiff herab kommen, anderst dann es zerfiel in tusend stuck. Es mögend ouch keine fisch im wasser die höhe dises velsens erstigen, wann si schon so lang krum zän hettend, wie das meertier Rosmarus oder Mors genant, sagt Münsterus. Der Rhin, nachdem er von dem oberen Loufen an widerum ein wenig in sinen alten stillen und zamen louf kommen, und das bis in die tusend schrit wit, facht er widerum an durch etliche schrofen und velsen ruschen biß zuo end derselbigen; alsdann hebt er an über dieselbigen staffelechtigen ruhen velsen in die acht oder nün klafter tief hinabfallen mit semlichem gwalt und gehem fal, semlichem grusammen dosen, strudlen und anbütschen an die velsen, so ufrecht darin stond. Etliche hat der gehe und stäte fal des Rhins dermassen underfressen, daß wie stark und hert si ioch gstanden, si dannocht dem linden wasser wichen müessen und in die tiefe hinunder sind gfelt worden [...]."
Historisch-Antiquarischer Verein des Kantons Schaffhausen (Hrsg.), Johann Jakob Rüeger, Chronik der Stadt und Landschaft Schaffhausen, Bd. 1, Schaffhausen 1884, S. 37
"Unterhalb des Katarakts windet sich der Rhein in vielfachen Krümmungen durch eine schöne, zum Theil fruchtbare Gegend. Zuerst schlängelt er sich gegen Süden, dann gegen Westen und Norden, endlich wieder gegen Süden; dann biegen sich zwei schmale Erdzungen in den Strom vor, in deren Mitte eine Insel liegt. Die eine dieser Erdzungen trägt das zu dem Kanton Zürich gehörige Städtlein Rheinau, auf der Insel aber, zu welcher eine steinerne Brücke führt, steht die alte Benedictinerabtei gleichen Namens. Die andere Erdzunge gehört zum badischen Gebiete, und so greifen Deutschland und die Schweiz hier gleichsam in einander. Das Städtchen (mit nur 600 Einw. und etwa 90 Häusern) verdankt seine Entstehung wahrscheinlich den Römern. Die Gründung des Benedictinerklosters wird in das Jahr 778 gesetzt, und in der Klosterkirche ist noch das marmorne Grabmal des Stifters, eines alemannischen Fürsten Wolfhart, zu sehen."
Auch im Falle von Laufenburg ist es Johann Wilhelm Appell, der die anschaulichste Beschreibung der Hauptattraktion der Stadt bietet – nämlich der Stromschnellen, die der Schiffsverkehr nur mit grosser Anstrengung der Schifferzunft überwand:
"Durch den Einfluß der Aar mehr als um das Doppelte verstärkt, eilt der Strom an dem badischen Städtchen Waldshut vorüber, das an der südlichen Absenkung des Schwarzwaldes gelegen, einst die erste der vier alten Waldstädte war. Bei dem alterthümlichen aargauischen Städtchen Laufenburg (mit 650 Einw. und 158 Häusern), das gleichfalls zu den Waldstädten gehörte, schießt er dann abermals zwischen Felsen und über Felsen hinab, einen etwa 20 Fuß hohen Fall bildend. Auch dieser Fall wird der "Laufen" genannt. Kundige Schiffer wissen die Fahrzeuge ohne Schaden über den Wasserfall dem Ufer entlang an Seilen hinabzulassen, jedoch meistens unbeladen. Die Waaren werden gleichfalls oberhalb des Sturzes aus und unterhalb desselben wieder eingeladen. Es ist hier ein sehr einträglicher Salmenfang. Auf einer Höhe bei dem Städtchen liegt die Ruine des Schlosses der mächtigen Grafen von Habsburg-Lauffenburg. Eine 306 Fuß lange Brücke führt, gerade da, wo der Fall beginnt, nach dem jenseitigen badischen Städtlein Kleinlaufenburg, mit welchem das auf der Schweizerseite gelegene größere Laufenburg (auch Großlaufenburg genannt) bis 1802 zusammen gehörte."
"Rheinfelden, kleine Stadt von 252 Wohnhäusern und 1436 Einwohnern, am linken Rhein-Ufer, im Aargauischen Frick-Thal. Wirthshäuser: Schiff, drey Könige. Dieser Grenzort liegt in einer fruchtbaren Gegend, an der Straße von Basel nach Schaffhausen, Zürich und Aarau, welche, so wie die Schifffahrt, ihn belebt. Für zwanzig Batzen miethet man einen ganz kleinen Kahn mit einem Schiffer nach Basel. Die Fahrt von Nieder-Mumpf bis nach Rheinfelden ist nur mit geübten Steuermännern anzurathen, und für den ungewohnten schauerlich. Die erste Brücke führt auf eine Insel im Rhein, die zweyte an das Deutsche Ufer, wo der Rhein am wildesten schäumt, über den gefährlichen Strudel Höllenhaken. Auf der Insel im Strome stehen die Trümmer des Schlosses, Stein von Rheinfelden genannt, von denen immer Mehreres geschleift wird. Die Stadt hat gut eingerichtete Schulen, ein Chorherrenstift, ein Spital und in der Nähe eine Oehlmühle, Tobakstampfe, eine Papiermühle und einen Steinbruch. Im Schweden-Kriege litt sie viel; ihre Festungswerke wurden von den Franzosen im J. 1744 geschleift."
Robert Glutz-Blotzheim, Handbuch für Reisende in der Schweiz, Zürich 1823, S. 370
Im mittleren 19. Jahrhundert galt Basel als altertümliche Stadt, deren Einwohner zusammengepfercht innerhalb der mittelalterlichen Stadtmauern lebten und und alle paar Jahre durch Epidemien dahingerafft wurden. Später als andere Städte entledigte sich Basel ihres Mauergürtels und erschloss sich neue Wohnquartiere im Umland. Vor diesem Hintergrund müssen wir Appells Beschreibung wohl lesen.
"Jene protestantisch ernste und starre Physiognomie [...] hat sich Basel bis auf den heutigen Tag bewahrt, und es gibt sicherlich wenig Städte, wo sich der altbürgerliche und altgläubige Geist noch so entschieden ausspricht, wie hier. Es ist nicht zu leugnen, die Baseler sind im Auslande, wie in der Schweiz wenig beliebt. Man macht ihnen den Vorwurf hartnäckigen Festhaltens am Alten und Veralteten, übertriebener Sparsamkeit, eines ungeselligen und vor allem auch eines dumpfen pietistischen Sinnes [...]. Wenn die Baseler insgemein eine gewisse Anhänglichkeit an das Altherkömmliche haben, wenn die Stadt, durch deren Thore doch die großen Handelsstraßen des südlichen und östlichen Deutschlands nach Frankreich, des westlichen Frankreichs und Deutschlands nach Italien ziehen, vielleicht mit am längsten den Umgestaltungen der neuen Zeit widerstrebte, so hat sie sich aber auch alte Tugenden bewahrt, welche sie vor vielen Städten auszeichnen. Eine gewisse bürgerliche Gediegenheit und der säuberlich geordnete Wohlstand, die uns in den Häusern der baseler Kaufherrn überall entgegentreten, flößen dem Fremden Achtung ein. Schöne Züge der Baseler sind ihre Anhänglichkeit an die Vaterstadt, der Gemeinsinn, der hier viele milde und nützliche Stiftungen hervorgerufen hat, wie sich auch der Sinn für Wissenschaft und Kunst in den zum Theil reichen und ausgezeichneten Sammlungen bethätigt."
Die mittelalterliche Altstadt mit ihren vielen Kirchen und Stadtpalästen wurde selten in ihrem pittoresken Wert erkannt und abgebildet, was uns heute erstaunt. Auch Louis Bleuler schreibt in einem Brief an seine Frau Antoinette über den Zeichner Egidius Federle, der diese Ansicht aufgenommen hatte:
"Trachte mit diesem zu sprechen und bestelle zu unserem Rheinwerk [das Kleine Rheinwerk] eine wohl gewehlte Ansicht der Stadt Basel. Das, so Federle aufgenohmen, ist bloss eine Umsicht der gegend von Basel."
Tatsächlich erschien dann gegen 1850 im Kleinen Rheinwerk eine Ansicht des Stadtinneren von Grossbasel bei der Mittleren Brücke.
Susanne Bieri, "De Bâle aux sources du Rhin". Zu einem Forschungsprojekt der Graphischen Sammlung, in: 86. Jahresbericht der Schweizerischen Landesbibliothek 1999, S. 37-39; Ursula Isler-Hungebühler, Die Maler vom Schloss Laufen. Kulturgeschichtliche Studie, Zürich 1953; Albert Lutz, Val Medel. Naturforscher und Landschaftsmaler erkunden den Rhein und die Berge am Lukmanier, 1700–1830, Curaglia 2024 (Neujahrsblatt der Gelehrten Gesellschaft in Zürich auf das Jahr 2024, 187. Stück); Robert Pfaff, Die Bleuler Malschule auf Schloss Laufen am Rheinfall, Neuhausen am Rheinfall 1985; Werner Rutishauser, Die Bleuler und der Rhein. Von majestätischen Gletschern, tosenden Katarakten und schauerlichen Burgen (Ausst.-Kat. Museum zu Allerheiligen Schaffhausen 1997), Schaffhausen 1997